Langzeitfolgen von Gehirnerschütterungen – Leitliniensymposion unter neuer Führung

Bobby Wood (Hamburger, rechts) und Christoph Kramer aus Mönchengladbach (M) tauchen kopfüber.

Gehirnerschütterungen sind in vielen Sportarten zu einem großen Problem geworden. Fußball ist für alle Schlagzeilen. (Bildnachweis / dpa / Daniel Reinhardt)

Die Karriere des australischen Neurowissenschaftlers Paul McCrory endete erst, als unzählige Fälle von Plagiaten aufgedeckt wurden. Als Chefredakteur einer einflussreichen Fachzeitschrift und Vorsitzender der Concussion Consensus Group spielt er seit langem eine zweifelhafte Rolle bei der Minimierung der Langzeitrisiken von Gehirnerschütterungen im Kontaktsport. Doch nicht nur die personelle Ausstattung ist problematisch, wenn es um Grundlagenforschung geht, die zum Teil von den Profiligen finanziert wird. Influencer ignorieren immer noch die Notlage von Sportlerinnen und Mädchen im Teenageralter.

Aus der Geschichte des Dopings wissen wir: Unter denjenigen, die Sportlern leistungssteigernde Medikamente verabreichen, sind immer wieder Menschen, die den hippokratischen Eid abgelegt haben. Wer sollte seine Patienten eigentlich vor Schaden und willkürlicher Ungerechtigkeit schützen? Aber sie erinnern eher an die Ärzte in den Werbekampagnen amerikanischer Zigarettenhersteller in den 1940er Jahren.

Einige Ärzte fungieren als Adjutanten von Berufsverbänden

Bei einem der großen Gesundheitsprobleme im Sport der letzten Jahre – Gehirnerschütterungen und deren massiven gesundheitlichen Spätfolgen – spielen Ärzte wieder eine wichtige Rolle. Aber einige der prominentesten von ihnen sehen eher aus wie Adjutanten jener Fußball-, Rugby-, Fußball- oder Eishockeyligen, die dem wachsenden Chor der Warnungen eine spekulative Atmosphäre verleihen. Das Ziel: Weitreichende Regeländerungen zu verhindern, um Popularität und kommerziellen Erfolg nicht zu gefährden.

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Denken Sie an den Neurowissenschaftler Paul McCrory, der 2016 die Maxime herausgab: „Können wir diese Debatte beeinflussen?“ Können wir diese Sportarten und Verletzungen nicht verteufeln und aufzeigen, welche Richtlinien es gibt? Wie erziehen wir Menschen?

McCrory bestritt unter anderem einen Zusammenhang zwischen einem akuten Hirntrauma auf dem Feld und Langzeitschäden. Eine Debatte, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen längst hätte beendet werden müssen. Und er ritt immer eines seiner Steckenpferde: Frühe Demenz oder suizidale Depressionen bei Sportlern können auch auf harten Drogenkonsum zurückzuführen sein. Was ihm half, solche Behauptungen zu verbreiten: Der Australier leitete ein interdisziplinäres Symposium – die sogenannte Concussion Consensus Group. Zweck: Alle vier Jahre Richtlinien für Ärzte im Umgang mit Patienten weltweit zu formulieren.

20 plagiatsverdächtige Werke

„Krieg“ ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Wort. Denn nachdem der Professor vor einigen Monaten als Serientäter in Sachen Plagiat verurteilt wurde, trat er von seinem Posten zurück. Nick Brown setzte seine Forschung fort, als die ersten Zweifel aufkamen. Der englische Informatiker und promovierte Psychologe ist so etwas wie ein Internetdetektiv in Sachen geistigem Diebstahl und hat in kurzer Zeit 20 dubiose Jobs gefunden.

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McCrory war für seine Copy-and-Paste-Aktivitäten gut aufgestellt, nachdem er in den Reihen aufgestiegen war, um Chefredakteur des renommierten British Journal of Sports Medicine zu werden und dort reichlich zu veröffentlichen. Und er war bestens vernetzt – etwa als Berater der Australian Football League, der Formel 1, des IOC und der FIFA.

“Wer schlampig schreibt, arbeitet oft schlampig”

Skrupelloses Abschreiben, sagt Deutschlandfunk-Plagiatsforscher Nick Brown, sei in der Wissenschaft meist ein Signal für mehr: „Menschen, die schlampig schreiben, leisten meiner Erfahrung nach auch sonst schlampige Arbeit. Was nicht heißt, dass so jemand seine Daten fälschen muss. Aber wir alle kennen Menschen, die immer an die Grenzen gehen, die immer die Regeln brechen. In manchen Dingen im Leben neigen diese Menschen sehr oft dazu, die Regeln zu brechen.”

Und Kopieren war nicht McCrorys einziges Problem. In Fachkreisen wird dem Australier seit langem vorgeworfen, wichtige Forschungsergebnisse falsch zu zitieren und damit die Risiken herunterzuspielen.

Dennoch lenke die Fixierung auf eine Person vom grundlegenden Problem rund um die Consensus Group ab, sagt Kathleen Bachynski, Professorin für öffentliche Gesundheit an der Pennsylvania State University und Autorin der Fußballkritik No Game for Boys to Play.

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Kaum Forschung zu Frauen und Mädchen

Somit fehlt es diesem exklusiven Kreis von Wissenschaftlern an einer ganzen Reihe von Themen jenseits des Profisports. Ob es um die Risiken für junge Amateure oder die Geschlechterfrage von Gehirnerschütterungen geht:

Die Umfrage betrifft 90 % der Männer und nur etwa 10 % der Mädchen und Frauen. Es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass es eine Reihe von Sportarten gibt, bei denen Sportlerinnen mehr Gehirnerschütterungen erleiden als Sportler. Wir wissen nicht, ob dies daran liegt, dass Frauen aus biologischen oder hormonellen Gründen häufiger unter Gehirnerschütterungen leiden. Oder sind sie eher bereit, eine Gehirnerschütterung zu melden. Es kann eine Mischung aus mehreren Faktoren sein. In den Konsensrichtlinien werden sie jedoch fast vollständig ignoriert.“

In einem Artikel für die Online-Plattform Statnews schrieb Bachinski diese Woche: Der Status quo besteht darin, dass Athleten in allem versagen, von NFL-Stars bis hin zu 11-jährigen Kindern. Alle Sportler haben eines gemeinsam: „Sie haben nur ein Gehirn, das ihnen ein Leben lang erhalten bleiben soll. Es ist höchste Zeit, dass wir eine internationale Gehirnerschütterungsgruppe bilden, um dieses wichtige Ziel zu priorisieren.”

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