Ukrainischer Autor Andrej Kurkow – Freiheit ist wichtiger als Stabilität

Ukrainische Literatur spiele derzeit im Ausland eine größere Rolle als in der Heimat, sagt Kurkow.In den ersten Kriegsmonaten seien in der Ukraine fast keine neuen Bücher erschienen, einige Druckereien und Bibliotheken seien zerstört worden.

Die Europäer wissen wenig über die Ukraine

“Schriftsteller schreiben weiter”, sagt er, “aber weniger Romane, hauptsächlich dokumentarische Texte, Tagebücher.” Kaum jemand hat Zeit und Energie für schriftliches Schreiben.

Die Präsentation ukrainischer Literatur auf der Messe sei enorm wichtig, betont Kurkov. Denn viele Europäer wissen nicht viel über die Ukraine. Klassische ukrainische Literatur wird nicht ins Deutsche übersetzt. Ukrainische Literatur wurde oft nur im Zusammenhang mit russischer Literatur gelesen. Es gebe Bitterkeit, dass die groß angelegte Übersetzung ukrainischer Bücher einen Krieg erforderte, sagt der Autor.

Freiheit wichtiger als Stabilität

Der historische Thriller „Samson und „Nadjeschda“ ist der erste Teil einer Trilogie. Der Roman spielt im Kiew des Jahres 1919. Das Jahr 1919 ist eine ganz besondere Zeit, zwei Jahre nach der Oktoberrevolution, nach dem Ende der Zarenzeit. Es war eine sehr brutale und anarchische Zeit in der Ukraine.

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Kurkow sagt, er habe den Stoff für seinen Roman zufällig entdeckt. Ein Leser rief ihn an und sagte, er habe die originalen Geheimpolizeiakten von etwa 1919 und wolle sie ihm geben. Diese Akten zeigten viele profane Details aus der Zeit, als die Kommunisten versuchten, die Ukraine in eine Sowjetrepublik zu verwandeln.

Für seine ukrainischen Landsleute ist Freiheit wichtiger als Stabilität. Ukrainer hätten eine ganz andere Mentalität als Russen, betont Kurkow.

Gesetze lächerlich

Der historische Roman „Samson und Nadjeschda“ entführt in eine ferne Zeit und hat mit dem heutigen Krieg eine unvorstellbare Aktualität erlangt. Der Roman erzählt zunächst von Samson, der seinen Vater verliert. Ein Soldat der Roten Armee tötet den Vater vor seinen Augen. Samson verliert auch sein Ohr. Leider kann ihm der Arzt nicht helfen, er wickelt das Ohr in Watte, steckt es in eine Schachtel und gibt Samson diese Schachtel. Samson kann mit diesem Ohr immer noch hören. „Ich habe viel medizinische Fantasie in meinen Romanen“, erklärt Kurkow. Seine Mutter war Ärztin. Kurkov wuchs in einem Haus voller medizinischer Bücher und Illustrationen auf. Es inspiriert ihn immer noch.

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Der Roman erzählt von schrecklichen Zuständen. Samson kehrt in die Wohnung seiner Eltern zurück und ist dort vorerst allein. Dann werden gegen seinen Willen zwei Rotarmisten erschossen. Es erzählt auch von der Zerstörung der bürgerlichen Ordnung und wie die Bolschewiki nach und nach die Gesetze regulierten. Der Text hat einen bitteren, aber auch melancholischen und fröhlichen Ton. „Diese sowjetischen Gesetze waren lächerlich. Zum Beispiel wurde festgelegt, dass jede Familie den Soldaten der Roten Armee Unterwäsche geben musste. Weil sie keine Unterwäsche hatten und es kalt war.“ Für mich hat das Ganze aber auch etwas Dramatisches etwas komisch”, erklärt Kurkow.

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Tagebuch als Zeitgenre

Ein weiterer Titel, den Kurkow auf der Messe präsentieren konnte, ist „Tagebuch einer Invasion“. Diese Zeitschrift enthält auch Essays, die er für englischsprachige Medien wie die Financial Times verfasst hat.

“Es ist wichtig”, sagt Kurkow, “alles zu sammeln, was passiert. Schreiben Sie alle Geschichten auf. Es gibt heute Tausende schrecklicher Geschichten in der Ukraine. Sie müssen bewahrt werden, auch als Beweis für russische Kriegsverbrechen.”

Andrej Kurkow: „Samson und Nadjezhda“
Diogenes Verlag, Zürich 2022, 368 Seiten, 24 Euro

Andrei Kurkov: “Invasionstagebuch”
Haymon Verlag, Innsbruck 2022, 352 Seiten, 19,90 €

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